Can Dündar mit dem 14. Siebenpfeiffer-Preis ausgezeichnet


Der Füllfelderhalter ist seine einzige Waffe

Can Dündar mit dem 14. Siebenpfeiffer-Preis ausgezeichnet

von Martin Baus

 

Heinrich Heines Prophezeiung, dass man Siebenpfeiffer, Wirth und ihre Weggefährten wegen ihrer Ideen einsperren werde, dass diese Ideen aber im Gegensatz zu den Unterdrückern der Freiheit unsterblich seien, diese Prophezeiung machte sich auch Can Dündar zu eigen: „Heute weiß niemand mehr, wie die Leute hießen, die damals die Urteile fällten und Siebenpfeiffer ins Gefängnis warfen. Aber dessen Name und dessen Bild sind es heute, die hier hinter mir auf der Bühne hängen. Siebenpfeiffers Ideale haben sich durchgesetzt“. Der türkische Journalist, der seit Anfang Juli 2016 in Deutschland im Exil lebt, wurde jetzt im saarpfälzischen Homburg mit dem 14. Siebenpfeiffer-Preis ausgezeichnet.

Bei seiner Dankesrede, die den zahlreichen Besuchern der Verleihung via Kopfhörer simultan vom Türkischen ins Deutsche übersetzt wurde, ließ es sich Dündar nicht nehmen, seine missliche Situation, ja sogar seine persönliche Gefährdung nicht ohne Ironie zu kommentieren: „Herzlichen Glückwunsch für Ihren Mut, einen Terroristen wie mich ehren“. Der 56-jährige Publizist gilt der türkischen Justiz als Verräter. Im Mai 2016 war er zu einer knapp sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden, nachdem er mit seinem Kollegen Erdem Gül über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Islamisten in Syrien berichtet hatte.

„Die einzige Waffe, die ich in die Hand nehme, ist diese“, betonte Dündar und hielt vor den rund 330 geladenen Besuchern der Preisverleihung demonstrativ seinen Füllfederhalter in die Höhe.

Kritsch ins Gericht ging der Siebenpfeiffer-Preisträger mit dem Verhalten der Bundesregierung und der Europäischen Union. Der Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie in der Türkei sei ein europäisches Problem. Die EU enttäusche freilich diejenigen, die wegen ihres Engagements für die Freiheit inhaftiert sind. Es sei beschämend, wie sich die europäischen Regierungen beim Flüchtlings-Abkommen mit der Türkei aufGeschacher um Geld einlasse. „Freiheit darf sollte keine Verhandlungsmasse sein“, kritisierte Dündar. Er berichtete von einem Treffen Angela Merkels mit dem früheren türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu, in dessen Verlauf sie von dem (heute inhaftierten) deutschen Journalisten Deniz Yücel gefragt worden sei, was sie zu den in der Türkei eingesperrten Kollegen zu sagen habe. Die Bundeskanzlerin habe zu dem Thema freilich geschwiegen und stattdessen das Wort weitergegeben an Präsident Erdogan. Der wiederum fegte die Frage mit dem Satz hinweg, dass in der Türkei nicht ein einziger Journalist gefangen gehalten werde – „und das in jenem Augenblick, in dem ich selbst im Gefängnis saß!“.

Deutliche Worte fand auch Jean Asselborn: Der luxemburgische Außenminister war Laudator der Preisverleihung. Er zitierte Dündars Feststellung, dass die die Türkei „das größte Journalistengefängnis der Welt“ sei, um eine intensivere Beschäftigung mit dieser türkischen Praxis einzufordern. Es könne nicht angehen, dass die Türkei Interpol einspanne, um Hetzjagden auf Kritiker Erdogans zu machen. „Politisch motivierte Haftbefehle sind inakzeptabel“. Zudem sei der Missbrauch des Ausnahmezustandes, den Erdogan seit dem Putschversuch im Sommer 2016 schon fünfmal verlängert habe, nicht hinzunehmen. Auch Asselborn zog Parallelen zwischen Dündar und Siebenpfeiffer: „Meine Haft dauert jetzt schon fünf volle Monate, und doch hat man mir noch nicht das Geringste zur Last gelegt, als das was gedruckt ist. Schämen muss sich die Regierung, schämen muss sich das Gericht. Anfangs wollte man einen Komplott finden; man findet aber nichts, weil nichts besteht“, zitierte er aus einem Brief, den Siebenpfeiffer 1832 aus dem Gefängnis geschrieben habe. Asselborn weiter: „Dieser Satz von 1832 beschreibt erstaunlich genau das Schicksal von Can Dündar und vieler seiner Kollegen, die in der Türkei in Haft sitzen“.

Theophil Gallo, Vorsitzender der Siebenpfeiffer-Stiftung und Landrat des Saarpfalz-Kreises, erinnerte daran, dass der verfolgte Journalist Frau und Sohn in der Türkei zurücklassen musste und diese auch keine Chance hätten, auszureisen. „Für den türkischen Präsidenten ist Can Dündar ein Verbrecher – so, wie Siebenpfeiffer seiner Zeit auch als Verbrecher angesehen wurde“. Thomas Kleist, der Intendant des Saarländischen Rundfunks und Vorsitzende der siebenköpfigen Jury, begründete die Entscheidung, Can Dündar mit dem 14 Siebenpfeiffer-Preis auszuzeichnen: „Wir brauchen Menschen, die sich für die Freiheitsrechte einsetzen und dort, wo sie nicht freiwillig gewährt werden, auch dafür kämpfen. Can Dündar ist ein solcher Kämpfer wie einst Siebenpfeiffer, und auch er zahlt einen hohen persönlichen Preis dafür. Und deshalb waren wir uns in der Jury, sehr schnell einig. Can Dündar, langjähriger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cum Huriyet, ist ein würdiger Preisträger. Mit unserer Entscheidung, Can Dündar, den türkischen Journalisten, der nach Deutschland fliehen musste, mit dem Siebenpfeiffer-Preis 2017 zu ehren, wollten wir ein starkes Signal setzen“.

Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von Hector Zamora (Gitarre) und Liza Montes del Ora (Gesang). Lateinamerikanische Lieder setzten spannende Kontrapunkte zu den europäisch dominierten Ansprachen. Zu Gehör brachte das mexikanisch-peruanische Duo unter anderem „Gracias a la vida“ und zu guter Letzt eine eigens arrangierte Variante von „Die Gedanken sind frei“.

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